chinesischer

Kalligraph und Tuschemaler

Liu Bing zur chinesischen Tuschekunst

(übersetzt von Gertraud Sommer)

 

Was der Künstler beim Schaffen einer Kalligraphie anstrebt, ist die Qualität der Linien und die Komposition der Linien, die eindrucksvollen Schönheiten von Geist - qi, hart - und Wohlklang - yun, weich.

Die Grundlage dieser Ästhetik ähnelt dem Zusammenspiel von Rhythmus und Wohlklang in der Musik. Durch solches Zusammenwirken drückt der Kalligraph mittels abstrakter Linien und ihrer Komposition seine eigenen Gedanken, Gefühle, Stimmungen und künstlerischen Ideen aus.

 

Durch solche Kunst verschwinden die Formen der zehntausend Dinge aus der Welt der Natur und was sich den Augen zeigt, sind nur noch die Linien, die aus der Resonanz des Kalligraphen auf die Dinge in abstrakter Form hervorgegangen sind.

Die wichtigsten Voraussetzungen der Xie-Yi-Malerei sind:

 

1) die Gesetze des Xie-Yi, was man am besten mit „Niederschreiben einer Idee“ übersetzt.

Die Idee, der künstlerische Entwurf, muß fertig sein, schon ehe der Pinsel sich bewegt, und wenn das Bild fertig ist, muß die Idee darin enthalten sein.

Gegenstand und Ich müssen verschmelzen, so daß eine reine Wahrnehmung entsteht. Die Form soll den Geist ausdrücken. Wenn Form und Geist beide vorhanden sind, wird der höchste Grad der eindrucksvollen Schönheit von Geist und Wohlklang erreicht.

In diesem Punkt sind sich Maler und Dichter ähnlich, sie verwenden gleichsam lyrische Bilder und Metaphern, durcheilen gleichermaßen die unerklärliche Welt, verschmelzen gleichermaßen mit Seele und Bildlichkeit der Natur. Sie bilden nicht die realen Dinge der Außenwelt ab, sondern die Erscheinungen ihrer eigenen Ideen.

Durch Geist, Wohlklang und Stimmung der Bilder rufen sie beim Betrachter eine Resonanz hervor. Struktur und Wohlklang sind im lebendigen Zusammenspiel geeignet, alle Erkenntnisse und Empfindungen des reichen Lebens auszudrücken.

 

2) Die Gesetze von Pinsel und Tusche Das wichtigste Werkzeug für die Kalligraphie ist der Pinsel. Der chinesische Pinsel ist außerordentlich elastisch.

Man kann mit ihm alle Arten von Strichen zeichnen, grobe und feine, schmale und breite, harte und weiche, krumme und gerade.

Zusammen mit den Eigenschaften von Reispapier und Tusche bewirken diese Striche kräftige oder blasse, trockene oder nasse „Farben“, d.h. Abschattierungen der Tusche.

Pinsel und Tusche, Reispapier und Reibstein, die „vier Kostbarkeiten“ des chinesischen Malers sind in ihrem komplizierten Zusammenspiel die Voraussetzung dafür, daß die Kunst der Linienführung höchste ästhetische Wirkungen erzielt.

 

Die Maler, auf deren Werken die Tuschemalerei während ihrer gesamten Geschichte beruht, waren ausnahmslos Meister der Kalligraphie. Indem sie die Möglichkeiten der Strichführung und der Komposition in der Kalligraphie vervollkommneten, leisteten sie unbeabsichtigt einen unschätzbaren Beitrag zu den Ausdrucksmöglichkeiten der Xie-Yi-Malerei.

Beide Künste werden mit dem gleichen raffiniert gebauten Pinsel, der gleichen Tusche und dem gleichen Reispapier ausgeübt. Beide beruhen auf der Kunst der beherrschten Pinselführung.

Dank den Qualitäten der Malwerkzeuge, besonders des raffiniert gebauten Pinsels, bleibt jede Einzelheit der Strichführung - ihre Virtuosität, Energie, Geschwindigkeit, jedes Heben und Senken des Pinsels, jedes Verweilen und jeder neue Ansatz im Erscheinungsbild des kalligraphischen Zeichens aufbewahrt.

 

Der Betrachter kann den Entstehungsprozess nachvollziehen. Der künstlerische Akt spiegelt den Charakter, die Energie, die Kunstfertigkeit, die Gefühle, die augenblickliche Befindlichkeit und die Erkenntnistiefe des Schreibenden.